Wehrlosigkeit – Dekadenz oder Konsequenz?

Weil der Prozeß der Zivilisation ein fortlaufender Prozeß ist, ist es sehr schwer, einen angeblich optimalen Zustand der Gewaltkultur zu benennen, da unklar ist, ob er sich wirklich selbst trägt oder nicht doch seine Energie aus einer unbeherrschteren, erst jüngst unterdrückten Vorstufe bezieht. Wenn ich jetzt lese, daß sich der deutsche Mann „früher“ gegen die Invasoren auf der Domplatte problemlos gewehrt hätte, dann hätte ich das gerne genauer beschrieben.

123191Soll ich mir hier eine wütende Horde aus Ärzten, Anwälten und Lehrern vorstellen? Oder wären es nicht auch „damals“ vor allem Handwerker, Arbeiter oder die „Landjugend“ gewesen? Man möge bitte weiter bedenken, daß mit der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft Verhaltensformen des Bürgertums die Verhaltensmuster der Arbeiterschaft überformen. Konsequenz, nicht Dekadenz ist auch hier das Problem.

Der persönlichen Gewaltfähigkeit ist weiter abträglich, daß der Staat im Zuge der Verwirklichung seines Gewaltmonopols die eigenständige Gewaltausübung des Individuums immer weiter zurückdrängt. Gefördert wird stattdessen die Unterordnung unter Regeln und Institutionen, die der Einzelne jetzt um ein Handeln angeht, das er selbst nicht mehr vornimmt – und zwar alleine. Staatlich verfaßte Macht hat, ganz unabhängig vom vielgeschmähten Liberalismus und Individualismus, einen starken Vereinzelungs- und Entsolidarisierungseffekt, weil sie kein Interesse daran hat, daß sich Individuen miteinander solidarisieren und ihr entgegentreten können.

120543Aggressivität und aggressive Solidarisierungsbereitschaft sind unter den Bedingungen des staatlichen Gewaltmonopols und weitgehender Verrechtlichung schlicht überflüssig. Der Einzelne, der sie vorhält, muß sie ständig unterdrücken. Das Schimpfwort von der Verhausschweinung übersieht, daß diese nunmal die Anpassung an Lebensbedingungen ist, unter denen man keine dichten Borsten und langen Hauer mehr braucht. Gerade Konservative sind Propagandisten von Staat, Recht, Regeln und Institutionen und damit eben der Verhausschweinung und Entmännlichung, die sie beklagen. Diese sind die langfristigen Konsequenzen ihrer Werte und die notwendige Nebenwirkung der von ihnen geschätzten Institutionen, womit deren segensreichen Wirkungen nicht geleugnet werden sollen, die Nebenwirkungen aber eben auch nicht.

Die Entfremdung des Konservativen und auch manches Rechten von der eigenen Handlungsfähigkeit, und zwar nicht nur der gewalttätigen, sondern auch der gewaltfrei politischen, zeigt sich, wenn die jetzige Krise auf Schlagworte gebracht wird. Worum geht es ihm eigentlich? Der Liberale spricht von Leben, Freiheit, Eigentum, auf manchen Transparenten habe ich die Worte „Freiheit, Heimat, Tradition“ gelesen.  In konservativen und zu oft auch in rechten Medien wird an allererster Stelle von Recht und Staat gesprochen: Das Recht werde gebrochen, der Amtseid verletzt, der Rechtsstaat zerstört. Die illegale und ungeordnete Masseneinwanderung müsse gestoppt werden – eine legale und geordnete Masseneinwanderung scheint also in Ordnung zu sein.

Dieser Vorrang des Rechts ist einmal theoretisch verfehlt, weil das Recht nun mal das Produkt von Politik ist und eine Argumentation mit politischen Zielen und Gütern darum nicht ersetzten kann. Empirisch ist er verfehlt, weil Eurokrise und Asylpolitik doch gezeigt haben, daß ohne einen entsprechenden politischen Willen das Recht schlicht nicht vollzogen wird. Wenn man trotz dieser überwältigenden Erfahrung auf das Recht und den Staat fixiert bleibt (die Linken sind das in dieser Form nie), dann deshalb, weil man seine Handlungsfähigkeit an diese Institutionen dauerhaft verloren hat.

Im Englischen bezeichnet das Wort „agency“ sowohl jemandes Handlungsfähigkeit als auch eine Behörde; der Konservative hat hier die eigene agency gegen die des Staates eingetauscht – und fort ist fort.

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Über piejayb

61 Jahre junger Mann der ausgewandert ist, weil ihn das Leben in Deutschland schon seit sehr langer Zeit so verlogen vorkam, dass es ihn regelrecht ankotzte. Jetzt wo er tatsächlich weg ist, zeigt es sich deutlich wie recht er doch mit seinem Gefühl hatte.

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