Mohammed und das Judentum

Prof. Dr. Heinrich Graetz beschreibt in seinem 1879 entstandenen Werk über die Geschichte der Juden in einem besonderen Kapitel die Entstehungsgeschichte des Islam. Angesichts der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem Islam erscheint das Ergebnis von Graetz´ historischer Forschung um die Person Mohammeds  sicher interessant. Nachstehend ein Auszug aus Graetz´ umfassender  Volkstümliche Geschichte der Juden:
Das Judentum hat in der saburäischen Epoche (Zeit nach Abschluß des Talmud) nicht bloß einige arabische Stämme für sein Bekenntnis gewonnen und den Söhnen der Wüste überhaupt gewisse unentbehrliche gesellschaftliche Einrichtungen gelehrt, wie die Regelung des Jahres, wovon Verkehr und Handel, Krieg und Frieden abhingen, sondern hat auch einen Religionsstifter erweckt, der in immer größeren Kreisen in die Weltgeschichte eingriff und noch in der Gegenwart fortwirkt.
Mohammed, »der Prophet von Mekka und Jathrib,« war zwar kein Sohn des Judentums, aber er hat sich an dessen Brust genährt. Er ist durch das Judentum angeregt worden, eine neue Religionsform mit staatlichem Grunde in die Welt zu setzen, welche man Islam nennt, und diese hat wiederum auf die Gestaltung der jüdischen Geschichte und die Entwickelung des Judentums mächtig eingewirkt.
In den friedlichen Zusammenkünften in Mekka, seinem Geburtsorte, auf den Meßplätzen und auf Reisen hörte Abdallahs Sohn viel von der Religion sprechen, welche das Bekenntnis des einzigen, weltbeherrschenden Gottes an ihre Spitze setzt, von Abraham, der sich dem Dienste dieses Gottes geweiht hat, von religiösen und sittlichen Einrichtungen, welche die Bekenner dieser Religion vor den Götzendienern voraus hatten, und sein ursprünglicher und empfänglicher Sinn war mächtig von all‘ diesem ergriffen. Ein angesehener Mekkaner, Waraka Ibn-Naufal, aus dem edlen Stamme der Koraischiten, ein Vetter Mohammeds Gattin Chadiǵa, der das Judentum angenommen und Hebräisch zu lesen verstand, flößte sicherlich Mohammed Liebe für Abrahams Religion ein.

In der Geschichte findet sich schwerlich eine Persönlichkeit, welche Mohammed gliche: er war aus Widersprüchen zusammengesetzt. Neben demütiger, gottdurchdrungener Frömmigkeit besaß er einen maßlosen Hochmut. Hingebung war in ihm gepaart mit Selbstsucht, Hochsinn mit Gemeinheit, schwungvolle Poesie mit engherzigem Kleinlichkeitssinn, Einfachheit und Mäßigkeit in Speise und Kleidung mit unersättlicher Liebesbrunst, Offenheit mit tückischer Verstellung, Mut mit Feigheit, ekstatische Verzückung mit berechnender Schlauheit. Jeder Zoll an ihm war ein Araber, ein wilder Sohn der Wüste, und doch durchbrach er die engen Schranken seines Volkstums und öffnete seinen Stammesgenossen einen weiten Gesichtskreis. Einerseits veredelte er die Araber durch erhabene Lehren, anderseits bestärkte er sie in ihrer Beschränktheit und ihren Vorurteilen. Er verstand weder das Lesen, noch das Schreiben und machte doch ein Buch (Koran) zum Mittelpunkte einer neuen Religion.

Mohammeds erste Lehren, die er in krankhaftem Zustande der Epilepsie empfangen und in engem Kreise als höhere Offenbarungen vom Engel Gabriel ausgegeben hat, trugen ganz und gar eine jüdische Färbung.3 Zu allererst stellte er den einfachen, aber noch nicht beherzigten Gedanken des Judentums auf: »Es gibt keinen Gott als Allah«, und erst später fügte sein Hochmut den Satz als Bekenntnisbedingung hinzu: »und Mohammed ist sein Prophet«. Wenn er von diesem Gotte sagte, er habe keinen Genossen (Antitrinität), er dürfe nicht im Bilde verehrt werden; wenn Mohammed gegen den wüsten Götzendienst predigte, der in der Kaaba mit dreihundert Göttern getrieben wurde; wenn er gegen die Unsittlichkeit eiferte, die offen und ohne Scheu unter den Arabern auftrat; wenn er die gefühlsempörende Unsitte verdammte, daß Eltern ihre neugeborenen Töchter aus Bequemlichkeit oder Besorgnis ins Wasser warfen, und wenn er dieses alles als nichts neues, sondern als Lehre der alten Abrahamsreligion ausgab, so mußte daß Judentum darin einen Sieg seiner Wahrheiten und eine Erfüllung seiner Prophezeiungen sehen, »daß einst jedes Knie sich zu dem einzigen Gotte beugen, jede Zunge ihn anbeten werde«, gerade wie zur Zeit, als Paulus von Tarsus zuerst die Hellenen mit der Geschichte und dem Inhalte des Judentums bekannt machte. Das Beste, was der Koran enthält, ist der Bibel oder dem Talmud entlehnt.
31H96AMKCNL._BO1,204,203,200_Erst die Kämpfe, die Mohammed in Mekka mehrere Jahre hindurch (612-622) für diese geläuterten Lehren zu bestehen hatte, setzten diesem edlen Kerne eine widerliche Schale an. Mohammeds Verhältnis zu den Juden Arabiens hat nicht wenig dazu beigetragen, den Lehrinhalt des Islams zu bestimmen und zu modifizieren. Ihnen ist ein Teil des Korans bald in freundlichem, bald in feindlichem Sinne gewidmet.

Als Mohammed in Mekka, dem Sitze des arabischen Götzentums, kein Gehör fand und sich sogar in Gefahr befand, wandte er sich an einige Männer aus Jathrib und forderte sie zur Annahme seiner Lehre auf. Diese, welche mit den jüdischen Religionslehren vertrauter waren, als die Mekkaner, fanden in Mohammeds Offenbarungen viel Verwandtschaft mit dem, was sie von ihren jüdischen Nachbarn öfter vernommen hatten. Sie zeigten sich daher geneigt, sich ihm anzuschließen, und brachten ihre Stammesgenossen dahin, ihn einzuladen, nach Jathrib zu kommen, wo seine Lehren schon wegen der dort zahlreich wohnenden Juden Anklang finden würden. Sobald er dahin kam (622, dem Jahre der Auswanderung: Heǵira), ließ es sich Mohammed angelegen sein, die Juden von Jathrib für sich zu gewinnen, und sein Streben so darzustellen, als wollte er das Judentum zur allgemeinen Anerkennung in Arabien bringen.
122490Er war gerade am Versöhnungstage in die Stadt eingezogen, welche von ihm den Namen bekommen sollte »Stadt des Propheten« (Medina) und als er die Juden fastend sah, sagte er: »Es geziemt uns noch mehr als den Juden, an diesem Tage zu fasten, und er führte den Fasttag Aschura ein. Mohammed schloß mit den jüdischen Stämmen ein förmliches Bündnis zu gegenseitiger Hilfeleistung und bestimmte ihnen zu Liebe die Richtung des Angesichtes beim Gebete (Kiblah) nach Jerusalem. Bei Streitigkeiten zwischen Juden und seinen Anhängern (Moslemin), die ihm zur Entscheidung vorgelegt wurden, zeigte er sich den Juden geneigter. Deswegen zogen es die Jünger Mohammeds vor, ihre Streitsache vor einen jüdischen Häuptling zu bringen, weil sie von einem solchen mehr Unparteilichkeit erwarteten als von Mohammed. So nahm einst ein Mohammedaner den jüdischen Häuptling Kaab Ibn Al-Aschraf und dagegen sein Gegenpart, ein 122432Jude, Mohammed zum Schiedsrichter. Mohammed hielt sich eine Zeitlang einen jüdischen Sekretär für seine Korrespondenz, weil er selbst des Schreibens unkundig war. Den Juden Medinas war dieses Entgegenkommen von seiten eines so viel verheißenden Mannes sehr schmeichelhaft. Sie betrachteten in halb und halb als jüdischen Proselyten und glaubten durch ihn das Judentum zur Macht in Arabien gelangen zu sehen. Einige von ihnen schlossen sich ihm innig an und wurden seine Hilfsgenossen (Ansar), darunter ein gelehrter Jude Abdallah Ibn-Salâm aus dem Stamme Kainukaa und Mukchairik aus einer angesehenen Familie der Alghitiun. Abdallah soll ihm, ehe er sich zu Mohammed bekannte, drei Fragen vorgelegt haben, um ihn zu prüfen, ob er von prophetischem Geiste beseelt sei. Die drei Fragen lauteten:

»In welchem Falle nimmt das ungeborene Kind das Geschlecht des Vaters und in welchem das der Mutter an; was wird den Frommen im Paradiese zur Speise vorgesetzt werden, und welches ist das Zeichen des jüngsten Tages.«

Diese drei Fragen, die aus dem Kreise der talmudischen Agada entnommen sind, soll nun Mohammed, sicherlich von einem andern vertrauten Juden inspiriert, richtig beantwortet haben. Abdallah soll von diesen Antworten so betroffen gewesen sein, daß er Mohammed als einen göttlichen Propheten anerkannt hat. Abdallah und andere Juden waren Mohammed bei den Offenbarungen des Korans behilflich, und die ungläubigen Araber hielten es ihm oft genug vor, daß »er ein Ohr sei« (Alles gläubig annehme), daß ihn nicht der Engel Gabriel, sondern ein Mensch belehre.« Indessen, wenn ihn auch Abdallah Ibn-Salâm und andere jüdische Ansar unterstützten, so waren sie weit entfernt, seinetwegen das Judentum aufzugeben, sondern beobachteten nach wie vor die jüdischen Gesetze, ohne das Mohammed anfangs Anstoß daran genommen hätte.

Aber nur ein geringer Teil der Juden Medinas trat zu der Schar der Gläubigen über, besonders als sie sein selbstsüchtiges Streben, seinen Hochmut und seine unersättliche Geschlechtsliebe erkannten. Sie hatten ein zu hohes Ideal von den Propheten im Herzen, als daß sie diesen leidenschaftlichen Mann, den es nach jedem schönen Weibe gelüstete, ihnen hätten gleichstellen sollen. »Sehet ihn«, sprachen die Juden:

»bei Gott! er wird von keiner Speise satt und hat keine andere Sorge als um die Weiber. Ist er ein Prophet, so möge er seinem Prophetenamte obliegen, nicht den Weibern.«

Oder die Juden sagten: wenn Mohammed ein Prophet ist, mag er in Palästina auftreten, denn nur dort offenbart sich Gott einem Auserwählten. Auch wendeten die Juden gegen ihn ein:

»Du rühmst dich, von Abrahams Religion zu sein, aber Abraham aß nicht Fleisch und Käse von Kamelen.«

Hauptgegner Mohammeds von jüdischer Seite waren Pinehas Ibn Azura vom Stamme Kainukaa, ein Mann mit beißendem Witze, der bei jeder Gelegenheit ihn lächerlich machte; ferner jener obengenannte Kaab Ibn Al-Aschraf, von einem arabischen Vater und einer jüdischen Mutter geboren; ein Dichter Abu-Afak, Greis über hundert Jahre alt, der ihn bei den unwissenden und blinden Arabern verhaßt zu machen trachtete, und Abdallah, Sohn Sauras, aus der Familie Alghitiun, welcher als der gelehrteste Jude von Heǵas galt. Selbst jüdische Proselyten, wie Kinana Ibn-Suria, der von den Ausiten abstammte, erkannten Mohammeds Prophetentum nicht an. Als einst Omar, zuerst heftiger Gegner und dann energischer Anhänger Mohammeds, unter eine Schar Juden trat, fragte ihn Pinehas Ibn-Azura: »Welcher von den Engeln ist der Begleiter eures Propheten?« Und als ihm Omar erwiderte, es sei Gabriel, da entgegnete Pinehas witzig, auf einen agadischen Ausspruch anspielend:

»Dieser Engel ist unser Feind, denn er verkündet stets nur Strafen für uns.« Von Pinehas rührt auch das treffende Wort her, das er Mohammed entgegnete, als dieser den jüdischen Stamm der Benu-Kainukaa anging den Islam anzunehmen. Mohammed hatte sich in seinem Briefe des Ausdrucks bedient: »Gebet Gott ein schönes Darlehn.«

Darauf ließ ihm Pinehas antworten: »Gott ist so arm, daß er ein Darlehn von uns verlangt.« Abu-Bekr, der nachmalige Kalif, soll dem Witzling dafür eine harte Strafe zugedacht haben, so daß Pinehas leugnen mußte, es gesagt zu haben. Mohammed merkte sichs aber wohl und teilte seinen Jüngern eine angebliche Offenbarung mit:

»Gott hat die Stimme derer gehört, die da sprachen, Gott ist arm und wir sind reich. Ihre Rede wollen wir aufschreiben und ihre Tötung der Propheten, und zu ihnen sagen: nehmet die Pein des Fegefeuers hin.«

So neckten sich die jüdischen Gegner Mohammeds mit ihm herum, legten seinen Aussprüchen und Offenbarungen einen lächerlichen Sinn unter und behandelten ihn wegwerfend, ohne zu ahnen, daß der schwache Flüchtling aus Mekka, der hilfeflehend nach Medina gekommen war, binnen kurzem ihre Stämme demütigen und zum Teil vernichten und über einen großen Teil ihrer Religionsgenossen bis in die entferntesten Zeiten das Los werfen würde! Sie bauten zu sehr auf ihren Mut und auf ihre Stärke und vergaßen, daß der gefährlichste Feind derjenige ist, welchen man allzu sehr verachtet.

51483188zMohammed nahm auch anfangs in schlauer Verstellung die Geringschätzung der Juden mit scheinbarem Gleichmute hin. Er sprach zu seinen Gläubigen: »Mit dem Volke der Schrift (Juden) streitet nur auf anständige Weise und saget: wir glauben an das, was uns, und an das, was euch offenbart ist. Unser Gott und euer Gott ist nur einer, und wir sind ihm ganz ergeben.« »Gebet den Schriftbesitzern weder Recht noch strafet sie Lügen,« soll er seinen Jüngern eingeschärft haben. – Aber für die Dauer konnte das Verhältnis nicht in den Schranken der Duldung bleiben. Von der einen Seite gaben sich die Juden Mühe, ihm seine Gläubigen abwendig zu machen, selbst seine treuesten Gefährten Omar, Hudseifa und Maad. Es gelang ihnen auch den ersten Mann in Medina‘, den Chazraǵiten Abdallah Ibn-Ubej, welcher auf dem Punkte stand, zum Könige dieser Stadt erwählt zu werden und durch Mohammeds Ankunft in den Schatten gestellt wurde, so sehr gegen ihn einzunehmen, daß er bis an sein Lebensende Opposition gegen Mohammed machte. Von der anderen Seite drangen seine Gläubigen in ihn, sich bestimmt darüber auszusprechen, wie er es mit dem Judentume halte. Sie sahen, daß seine Anhänger unter den Juden noch fortfuhren, die jüdischen Gesetze zu beobachten, sich des Kamelfleisches zu enthalten, und fragten ihn: »Ist die Thora ein göttliches Buch, so laßt uns auch deren Vorschriften befolgen.«25 Da Mohammed zu sehr Araber war, um sich dem Judentume anschließen zu können, anderseits wohl erkannte, daß die Araber den ihnen ganz fremden religiösen Bräuchen Widerstand leisten würden, so blieb ihm nichts übrig, als mit den Juden entschieden zu brechen. Er offenbarte hierauf eine lange Sura (die Sura der Kuh genannt), voller Schmähungen gegen die Juden. Die Richtung beim Gebete änderte er ab und verordnete, daß sich die Gläubigen nicht mehr nach Jerusalem, sondern nach Mekka und dem Kaaba-Tempel wenden sollten. Gegen den Vorwurf der Inkonsequenz berief er sich auf eine angebliche Offenbarung durch Gabriel:

»Die Gesichtsrichtung (beim Gebete) haben wir deswegen geändert, damit man unterscheide zwischen denen, welche dem Propheten folgen, und denen, welche ihm den Rücken zukehren. Manchem ist das unlieb, aber nicht dem, den Gott regieret. Wo du auch bist, wende dein Gesicht nach dem Tempel Alharram (Kaaba), wo du dich auch befindest – Volk der Schrift! Wisse wohl, daß diese Wahrheit von seinem Gotte ist.«

Das Fasten am Versöhnungstage (Aschura) schaffte er ab und setzte dafür den den Arabern seit uralter Zeit heiligen Monat Ramadhan ein. Er mußte noch vieles zurücknehmen von dem, was er früher als Gottes Offenbarungen ausgegeben hatte. Mohammed behauptete jetzt, in der Thora sei von seinem Erscheinen und seinem Prophetenberufe viel die Rede gewesen, die Juden hätten aber die Stellen ausgemerzt. Während er früher gepredigt hat, die Juden hätten den rechten Glauben, verbreitete er später, sie verehrten Esra (Ozaïr) als Sohn Gottes, wie die Christen Jesus, folglich seien auch sie als Gottesleugner zu betrachten. Seine Verbitterung gegen die Juden, welche sein Prophetentum leugneten und seine Vorspiegelungen durchschauten, führte ihn immer mehr zu Ungerechtigkeiten gegen sie. Ein Gläubiger von den medinensischen Hilfsgenossen hatte einen Panzer gestohlen, und als es ruchbar geworden war, legte er ihn, um den Verdacht von sich abzuwälzen, in das Haus eines Juden, als wäre dieser der Dieb gewesen. Der Jude schwor aber bei Gott für seine Unschuld am Diebstahle. Darauf riefen die Ansar Mohammed auf, dem eigentlichen Dieb beizustehen, weil er doch zu den Gläubigen gehörte, und Mohammed ging darauf ein.

So sehr er aber auch im innersten Herzen die Juden haßte, so wagte er es doch so bald nicht, sie durch Tätlichkeiten zu reizen. Noch war sein Ansehen nicht befestigt genug, und die Juden waren durch ihre Zahl und ihre Verbindung teils mit den Chazraǵiten und teils mit den Ausiten der Schar seiner Anhänger überlegen. Dieses Verhältnis änderte sich aber nach der Schlacht bei Bedr (Winter 624), als die geringzähligen Mohammedaner einen Sieg über die zahlreichen Koraischiten davon getragen hatten. Mohammed war dadurch der Kamm so sehr geschwollen, daß er seitdem die Rolle eines demütigen Propheten mit der eines argwöhnischen Tyrannen vertauschte, dem jedes Mittel, auch Meuchelmord, recht war, sich seiner Feinde zu entledigen. Indessen ließ er sich noch immer von der Klugheit lenken, nicht mit den mächtigen jüdischen Stämmen anzubinden; er begann mit den schwachen und wehrlosen. Eine Dichterin Asma, Tochter Merwans, aus einem jüdischen Stamme geboren und mit einem Araber verheiratet, wurde von einem Meuchelmörder in der Nacht auf ihrem Ruhebette erschlagen, weil sie Satiren gegen den falschen Propheten gedichtet hatte. Und Mohammed sprach des anderen Tages: »Wer einen Mann sehen will, der Gott und seinem Gesandten einen Dienst geleistet, der sehe Omeïr an« (so hieß der Mörder). Einige Tage später wurde der jüdische Greis Abu-Afak von Omeïrs Sohn ermordet, und später auch Kaab Ibn Al-Aschraf, weil er die bei Bedr gefallenen Koraischiten durch eine Elegie betrauert hatte.

Darauf sollte der jüdische Stamm der Kainukaa seinen frommen Zorn empfinden. Es war der schwächste der jüdisch-arabischen Stämme, und zu ihm gehörte jener Pinehas Ibn-Azura, der Mohammed durch schlagenden Witz lächerlich machte. Deswegen richtete sich sein Haß zuerst gegen die Kainukaa. Die Veranlassung war geringfügig. Ein Mohammedaner hatte einen Juden wegen eines schlechten Spaßes erschlagen, und die Kainukaa nahmen Rache dafür. Darauf forderte sie Mohammed auf, sich zum Islam zu bekennen oder den Krieg zu gewärtigen. Sie erwiderten ihm:

»Wir sind zwar friedlich gesinnt und halten gerne das Bündnis mit dir; allein da du Gelegenheit suchst, uns zu bekriegen, so werden wir zeigen, daß wir auch Mut haben.«

Sie rechneten darauf, daß ihre glaubensgenössischen Stämme, die Nadhir und Kuraiza, sie nicht im Stiche lassen würden, und zogen sich in ihre Festungen bei Medina zurück. Mohammed sammelte darauf seine Truppen und belagerte die Kainukaa. Wären die zahlreichen Juden Nordarabiens, die Nadhir, Kuraiza und die von Chaibar, in richtiger Voraussicht, daß ihnen Ähnliches wie den Kainukaa bevorstand, ihnen zu Hilfe gekommen, und hätten sie mit dem Gegner Mohammeds ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen, wie zur Zeit, als es bereits zu spät war, so hätten sie ihn und seine geringen, zum Teil nicht ganz zuverlässigen Anhänger erdrücken können. Allein die Juden litten gleich den Arabern an Zersplitterung und hatten nur ihre selbstsüchtigen Stammesinteressen im Auge. Fünfzehn Tage kämpften die Kainukaa tapfer und warteten auf Verstärkung von ihren Glaubensbrüdern. Als diese aber ausblieb, öffneten sie dem Feinde die Tore ihrer Burgen. Mohammed ließ sämtliche Kainukaaischen Juden in Fesseln schlagen und machte Miene, sie abzuschlachten; aber ein drohender Blick des Chazraǵiten Abdallah Ibn-Ubej, ihres Bundesgenossen, schreckte ihn von diesem Vorhaben zurück. Abdallah faßte ihn am Panzerhemde und sprach: »Ich lasse dich nicht los, bis du mir die Bitte gewährst, die Gefangenen loszulassen; denn sie bilden meine Stärke, sie haben mich gegen die Schwarzen und Roten verteidigt.«34 Mohammed sprach dann eingeschüchtert: »Laßt sie frei, Gott verdamme sie und ihn mit ihnen!« Die Juden des Stammes Kainukaa, siebenhundert an der Zahl, mußten ihre Habe im Stiche lassen und ganz entblößt nach Palästina auswandern (Februar 624). Sie ließen sich jenseits des Jordans in Batanäa, dessen Hauptort Adraat war, nieder, wo sie wahrscheinlich von ihren Glaubensgenossen, die zurzeit von dem byzantinischen Joche befreit waren, brüderlich aufgenommen wurden.

Nach dem Siege über die Kainukaa brachte Mohammed den Moslemin eine Offenbarung gegen die Juden, welche sie jedes Schutzes berauben sollte:

»O, ihr Gläubigen, wählet keine Juden und Christen zu Bundesgenossen; sie mögen sich selbst beschützen. Wer sich mit ihnen befreundet, ist einer von ihnen; Gott duldet kein sündhaftes Volk.«

Den Christen schadete diese Ausschließung weniger, da sie nicht zahlreich in Nordarabien vertreten waren und sich überhaupt passiv verhielten. Die Juden hingegen, an Unabhängigkeit gewöhnt und voll sprudelnden Mutes, waren durch diese Achtserklärung in gefährliche Reibungen verwickelt. Ihre ehemaligen Schutzgenossen sagten sich meistens von ihnen los und übten auf Mohammeds Geheiß tückische Rache an ihnen. Ein Moslem tötete einen Juden, der sein Lebelang sein Wohltäter gewesen, und der Bruder des Mörders, selbst noch ein Heide, war empört darüber. Bei solcher Lage gehörte Mut dazu, wenn sich einige Muselmänner, welche ihre anerzogene Treue nicht durch Fanatismus unterdrückt hatten, dennoch der Juden angenommen haben. Diesen Mut bewies der schon genannte edle Abdallah. Als Mohammed zum Gefechte bei Uchûd ausrückte, gehörte auch Abdallah zum Gefolge und entbot dazu eine Schar von sechshundert jüdischen Bundesgenossen vom Stamme Nadhir. Der Prophet mochte sie aber nicht eher am Kampfe teilnehmen lassen, bis sie sich zum Islam bekannten. Als sie sich aber dessen weigerten, zog auch der edle Chazraǵite Ibn-Ubej mit dreihundert Mann ab.

Bei diesem gegenseitigen tödlichen Haß zwischen Mohammed und den Juden ist es glaublich, daß die Benu-Nadhir ihn einst in ihre Burg Zuhara eingeladen haben in der Absicht, ihn von der Terrasse herabzustürzen und seinem Leben ein Ende zu machen. Ihr Häuptling war damals Hujej Ibn-Achtab, ein mutiger Krieger.

50554766zMohammed war der Einladung gefolgt, um sich von den Nadhir den Anteil an Lösegeld für erschlagene Araber zahlen zu lassen, merkte aber an den Bewegungen der Juden, daß sie es auf sein Leben abgesehen hatten, machte sich davon und eilte nach Medina. Schwer sollten die nadhiritischen Juden dieses Vorhaben büßen. Mohammed stellte ihnen die Wahl, ihre Heimat innerhalb zehn Tagen zu verlassen oder sich auf den Tod gefaßt zu machen. Die Nadhir waren anfangs bereit, den Kampf zu vermeiden und auszuwandern, allein ermutigt von Abdallah Ibn-Ubej, der ihnen Hilfe versprochen, nahmen sie den hingeworfenen Fehdehandschuh auf. Aber sie warteten vergebens, in ihren Burgen eingeschlossen, auf die in Aussicht gestellte Unterstützung. Mohammed begann den Krieg gegen sie damit, daß er die Dattelbäume, welche ihnen die Nahrungsmittel lieferten, ausreißen und verbrennen ließ. Darüber waren selbst seine eigenen Leute empört; denn diesen gewissenlosen Kriegern war eine Palme heiliger als ein Menschenleben. Nach mehrtägiger Belagerung mußten die Nadhir kapitulieren, und die Bedingung war, daß sie ohne Waffen auswandern mußten und von ihrer Habe nur soviel mitnehmen durften, als ein Kamel tragen kann. Sie wanderten darauf, sechshundert an der Zahl, mit klingendem Spiele aus, ließen sich teils bei ihren Brüdern in Chaibar und teils bei Jericho und in Adraat nieder (Juni – Juli 625). Den Krieg gegen die Nadhiriten rechtfertigte Mohammed hinterher durch eine Koranoffenbarung: »Gott preiset, was im 21028416zHimmel und auf Erden ist, er ist der Allverehrte, der Allweise. Er ist es, der die Ungläubigen unter den Schriftbesitzern aus ihren Wohnungen vertrieb, zu den schon früher Ausgewanderten (Kainukaa). Ihr dachtet nicht, daß sie auswandern würden; sie selbst glaubten, ihre festen Plätze würden sie gegen Gott beschützen; aber Gott fiel über sie her von einer ganz unerwarteten Seite und warf Schrecken in ihr Herz, so daß ihre Häuser von ihren eigenen Händen sowohl, als von denen der Gläubigen verwüstet wurden. Nehmet dies zur Belehrung, ihr, die ihr Augen habet. Hätte Gott nicht Verbannung über sie verhängt, so hätte er sie schon in dieser Welt gezüchtigt, doch in jener harrt ihrer die Pein der Hölle. Dieses ist, weil sie sich Gott und seinem Gesandten widersetzen; wer sich Gott widersetzt, den bestraft er mit Strenge. Sowohl euer Abhauen einiger Dattelbäume als eure Schonung anderer geschah mit der Erlaubnis Gottes; denn er straft damit die Übeltäter. Hast du nicht gesehen, wie die Heuchler ihren ungläubigen Freunden unter den Schriftbesitzern sagten: ›Werdet ihr vertrieben, so wandern wir mit euch aus, wir werden niemandem gegen euch gehorchen, werdet ihr bekriegt, so stehen wir euch bei!‹

»Aber Gott bezeugt, daß sie Lügner sind. Wenn jene vertrieben werden, so ziehen sie nicht mit ihnen weg, werden sie bekämpft, so leisten sie ihnen keinen Beistand, und täten sie es auch, so würden sie bald den Rücken kehren und jene blieben hilflos. Die Heuchler gleichen dem Satan, welcher die Menschen zum Unglauben verleitet, und wenn sie ungläubig geworden, zu ihnen sagt, ich teile eure Schuld nicht; ich fürchte den Herrn der Welt.«

Quelle: Graetz, Mohammed und die Juden, 1879.

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