Der Verrat vom 20. Juli 1944

Als sich der zivile Führer des 20. Juli, Carl Friedrich Goerdeler, bereits im März 1938 mit den Alliierten in Kontakt setzte, bereiteten ihm diese einen mehr als kühlen Empfang. In London bezichtigte ihn der Erste Ratgeber des britischen Außenministers, Robert Vansittart, sogar des Verrats. Dasselbe galt auch für den Oberleutnant Ulrich von Schwerin, der vor dem Einmarsch in Polen nach London entsandt wurde, um die Engländer davon zu überzeugen, daß die Invasion vereitelt werden könnte.

(Auszüge aus „Die Welt ist nicht genug“ von Wolfgang Eggert).

Bereits am 24. Mai setzte das US-State –Department in einer Denkschrift die sowjetische Botschaft über seinen Schweizer Briefverkehr in Kenntnis.[1] Kurz darauf erhielt die Naziführung hochkarätige Warnungen, durch welche es ihr gelang, den zivilen Sektor der Verschwörung abzugreifen: Am 4. Juli wurde der designierte Innenminister der geplanten Übergangsregierung, der Sozialdemokrat (MdR) Julius Leber bei einem konspirativen Treffen von der Gestapo verhaftet. Nicht weniger als 200 weitere Verhaftungen schlossen sich an. Am 18. Juli 1944 kursierten bereits Steckbriefe, die auf die Ergreifung des neuen Reichskanzlers in spe, den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Dr. Carl Goerdeler, eine Belohnung aussetzten. Als Goerdeler schließlich nach Mißlingen der Erhebung ergriffen wurde, führte er bittere Klage über einen „Verrat der Briten“ an Deutschland. In seinem politischen Testament nannte er „Neville Chamberlain und seine Clique selbst eine Art Faschisten“, Faschisten, die „mit Hilfe des Nationalsozialismus“ ihr „Profitsystem“ retten wollten.

Mit diesem von der Zeitgeschichtsforschung viel zu selten beachteten Fluch spielte Goerdeler auf den Umstand an, daß die Nazis seit den 20er Jahren von konservativen Engländern zu einem Kreuzzug gegen das sowjetische Schreckgespenst von Wall Street und City regelrecht aufgerüstet wurden. Motiv: Die beängstigend um sich greifende Weltrevolution des Kreml drohte von Irland bis Indien das gesamte britische Empire aus den Angeln zu heben. Da der Kommunismus ebenfalls die Pfründe des großen Kapitals bedrohte, wurde Hitler auch aus diesem Lager nach Leibeskräften gefördert: Die mit Abstand größten Geldzuwendungen vor der Machtergreifung – ohne die die NSDAP nicht einen ihrer aufwändigen Wahlkämpfe hätte betreiben können – stammten aus der Schatulle des britischen Shell-Chefs Sir Henry Deterding. Dessen Milliardenschwere Ölförderindustrie war im nachzaristischen Rußland durch die Bolschewiki entschädigungslos verstaatlicht worden. Deterding sagte ganz offen, was er sich von den Braunhemden erwartete: Den gewaltsamen Sturz der Sowjetmacht. Zu diesem Zweck hatte er bereits vor Hitler den Ostkriegserfahrenen deutschen General Hoffmann und militante exilrussische Kreise finanziert.[2]

(Churchill & Co wollten den Krieg. Schulze-Rhonhofs großes Werk darf hier nicht unerwähnt bleiben / die gehirngewendeten Deutschen ehrten den Städtevernichter Winston Churchill mit dem Karlspreis der Stadt Aachen, ebenso wie zuvor schon Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, den geistigen Vater der gegenwärtigen Umvolkungspolitik / ).

Um die Doppelzüngigkeit noch zu steigern, wurde den unterlegenen Deutschen die zurückliegende und fortdauernde Zerstörung ihres Landes damit erklärt, daß sie sich der Nazis nicht frühzeitig selbst entledigt hatten. Unter der Überschrift „Grundlegenden Ziele der Militärregierung in Deutschland“ forderte der US-Generalstab am 26. April 1945 von dem Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen an vorderster Stelle: „Es muß den Deutschen klargemacht werden, daß Deutschlands rücksichtslose Kriegführung und der fanatische Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört und Chaos und Leiden unvermeidlich gemacht haben und daß sie nicht der Verantwortung für das entgehen können, was sie selbst auf sich geladen haben.“ Bruchlos daran anschließend heißt es, die Maske des edlen Ritters ein Stück weit öffnend: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat. Ihr Ziel ist … die Besetzung Deutschlands, um gewisse wichtige alliierte Absichten zu verwirklichen.“ (auch ihre Kriegsverbrechen)

(Dresden vor dem Bombenterror: der letzte Farbfilm vor der Vernichtung.)

(Durch die angloamerikanischen Bomberpulks starben in Dresden mehr Menschen als bei den Atomangriffen auf Hiroshima und Nagasaki / „Das Massaker von Dresden“ / Deutsche Kriegsverbrechen? / Verbrechen an der Zivilbevölkerung / Die Verräter an den Schreibtischen / Bilder des Grauens vom Untergang Berlins)

Wohl auch im Sinne der „gewissen Absichten“ hielten es die Alliierten nach dem Krieg für angebracht, die Interpretation aufrecht zu erhalten, laut der die Ereignisse des 20. Juli Frucht einer Verschwörung einiger weniger ehrgeiziger Offiziere gewesen war. So konnte man nämlich die (vor allem von der Nazi-Propaganda verbreitete) These stützen, nach der es während der Naziherrschaft in Deutschland keinerlei Form von Widerstand und Opposition gegen das Regime gegeben hätte, weshalb alle Deutschen als Nazis betrachtet und auch als solche behandelt werden müßten. Louis P. Locher, früherer Chef des Berliner Büros der Associated Press und später Kriegskorrespondent der Alliierten in Paris, erwähnt in seinem Buch „Always the Unexpected“, daß die amerikanische Presse gezielt Meldungen über den deutschen Widerstand unterdrückte. Er erklärt: „Berichte über die Widerstandsbewegung paßten nicht in das Konzept der bedingungslosen Kapitulation. Schon im Sommer 1942 hatte meine Annahme Bestätigung gefunden, daß Roosevelt entschlossen war, die Schuld des gesamten deutschen Volkes und nicht nur des Naziregimes für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges festzulegen.“ Jetzt erließ der US-Präsident sogar eigens eine Weisung, daß schriftliche Erwähnungen über einen deutschen Widerstand während der Hitlerzeit zu unterbleiben hätten.[3]

Das Bild wandelte sich erst Anfang der 50er Jahre, als die Sowjetunion Bonn im Austausch gegen eine Neutralisierung die sofortige Wiedervereinigung antrug. Zur gleichen Zeit suchten die Westmächte „ihren“ Teil Deutschlands als aufgerüstete Frontspitze in die NATO zu integrieren. Jetzt behinderte die die Theorie der Kollektivschuld plötzlich die auf Einbindung der Bundesrepublik zielenden Werbefeldzüge Londons und Washingtons. Um die eigene Öffentlichkeit von der neuen Partnerschaft mit dem alten Feind zu überzeugen, beschloß man daher, das Naziregime von seinen Untertanen zu unterscheiden. Als deren Repräsentanten waren nun die „Guten Deutschen“ der 30er und 40er Jahre gefragt. Die am heißesten gehandelten Ikonen waren dabei jene Oppositionelle, die in der Tradition des Antikommunismus gestanden hatten.[4] So begann die Rehabilitation des 20. Juli 1944.“

Anmerkung:
Zum Weltmachtstreben der USA gehört deren Paranoia vor dem Weltkommunismus, die vermutlich in Wahrheit auch nichts anderes als ein Propagandatrick ist, mit dem sich die endlosen Kriege von Wall Street und Washington stets bestens verbrämen ließen. Die Nato als US-Sperspitze mit ihren verdeckten Strukturen. Als die antibolschewistische Propaganda nicht mehr zog, brauchte man als neuen Buh-Mann Bin Laden und Al Kaida. Nun, da auch diese Chimäre verbrannt ist, wurde ISIS aufgebaut.

Einen Dritten Weltkrieg, noch dazu in Deutschland, haben bis vor wenigen Monaten die meisten Menschen für unmöglich gehalten. Doch dann kamen die Krise um die Ukraine und die Warnungen der Politiker – von Vizekanzler Sigmar Gabriel bis Altkanzler Helmut Schmidt. Und wir erinnerten uns auch wieder an die Drohungen der USA und Israels, die iranischen Atomanlagen zu bombardieren. Oder an den Beinahe-Krieg in Syrien, der das Potenzial zu einem Waffengang zwischen den USA und Russland hatte.

Quellen:

[1] Falin,Valentin: Zweite Front. Die Interessenkonflikte in der Anti-Hitler-Koalition.
Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachfolger, München 1995, Seite 414

[2] Krause, Friedrich (Hrsg.), Goerdelers politisches Testament. Dokumente des anderen
Deutschland, New York: 1945, Seite 58

[3] Klemperer, Klemens von. German Resistance Against Hitler: The Search for Allies
Abroad: 1938-1945. New York: Clarendon Press/ London:Oxford University Press 1992,
Seite 386

[4] Hamerow, Theodore. On The Road To The Wolf´s Lair: German Resistance To Hitler,
Cambridge/Mass: Belknap Press of Harvard University Press 1997, Seite 2f.

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